Im Pays de Cocagne – wie ich lernte, blau zu machen

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Im Dreieck von Albi, Toulouse und Carcassonne liegt die Route Historique du Pastel au Pays de Cocagne, auf der man lernen kann, „blau zu machen“. Zwei Übersetzungen gibt es zu Cocagne und beide sind geheimnisumworben und mit magischer Anziehungskraft gefärbt. Cocagne werden die Kugeln genannt. Die Blätter des Färberwaid, in Frankreich  Pastel genannt, wurden in Pastelmühlen zermahlen, dann zu einer Paste aufbereitet und zu Kugeln geformt, den Cocagne. Der Verkauf brachte großen Reichtum, sodass ein Leben wie im Schlaraffenland, dem Land, wo Milch und Honig fließen, möglich war. Der Färberwaid (isiatis tinctoria) liefert den blauen Farbstoff für Künstlerfarbe, aber eben auch zum Färben von Kleidung. Sein Öl findet sich in Kosmetik.

Das Blau begeistert mich so sehr, dass ich mich auf den Weg nach Lautrec mache, um Françoise Carayol zu besuchen. Bei ihr will ich lernen, wie ich blau machen kann. Sie ist eine der letzten, die die Kunst beherrscht und in einer kleinen Manufaktur Kleidung färbt.

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La Ferme au village liegt in einer kleinen Straße und schon von weitem ist das überwältigende Meer an Blau nicht zu übersehen. In ganz Lautrec sieht man blaue Fensterläden und Türen, aber erst hier gibt es Blau, soweit das Auge reicht. Françoise erwartet uns bereits und wir treten durch den Laden ein, in einen Hinterhof, der angenehm kühl ist. Die Sommer sind heiß im Pays de Cocagne, was dem Pastel zu besonderer Qualität verhalf.

Der Handel mit dem Pastel beginnt im 14. Jahrhundert, erzählt uns Françoise und steigert sich schnell bis im 16. Jahrhundert besonders Albi und Toulouse steinreich damit werden. Auch Tuchfärber und Spinner werden unfassbar reich. Mit Ankunft des günstigeren amerikanischen Indigo, verliert der Färberwaid dann an Bedeutung. 

Die Pflanze selbst ist ein Kreuzblütler und erinnert im blühenden Zustand an Raps. Um den Farbstoff zu extrahieren, muss die Pflanze einen aufwendigen Prozess durchlaufen. Die Blätter werden geerntet, dann in einer Mühle zermahlen und zu Kugeln geformt. Heutzutage wird wieder Pastel angebaut, auch in hoher Qualität, besonders im Département Ariège.

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Die hohe Kunst beim Färben besteht darin, mit Hilfe der Cocagne ein Färbebad herzustellen, um darin z.B. Stoffe einzufärben. Françoise bereitet dieses in einer Schüssel mit warmem Wasser zu. Es riecht leicht nach Essig, ich frage nach, aber die Rezeptur ist ein Geheimnis. Ihr Mann erklärt, dass es in Lautrec nicht so leicht sei. Eine andere Dame im Ort, eine frühere Freundin von Françoise, sei mit der Rezeptur „hausieren“ gegangen und habe dann ebenfalls ein Geschäft eröffnet. Sie nehme eine mindere Qualität, nur merke man das nicht gleich am Anfang. 

Ich bin gespannt, was sich gleich tun wird. Ein zusammengedrehtes Stück Stoff von der Länge eines Schals wird in die Schüssel gebracht und durch das gelb-grün schimmernde Bad gezogen. Und dann muss alles ganz flott gehen – heftiges Auswringen und das Stoffstück schnell öffnen und auseinander ziehen. In dem Moment passiert wie von Zauberhand eine Verwandlung – blitzschnell wird das Gelb zu Grün und dann zum umwerfenden Blau des Pastels. Ich bin begeistert und will auch!

lautrec-cocagne-frankreich-pastel-confiture-de-vivrejpgFrançoise gibt mir ihre Schürze und ich darf selbst loslegen. Sie treibt mich an, um ein gutes Ergebnis zu bekommen und dann halte ich das Kunstwerk der Natur in Händen. Das Pastel ermöglicht alle Nuancen von blau – es färbt auch nicht ab und bleicht nicht aus. Das möchte ich mir selbst beweisen und kaufe mir im kleinen Laden einen Bluse aus Leinen – selten hat mich eine Farbe so gut gekleidet, wundervoll ist der Blauton!

Doch besonders die Schürze von Françoise hat es mir angetan. Vorrätig hat sie keine im alten und nach Bitten mit Engelszungen meinerseits, darf ich ihre haben 🙂 Lieber wolle sie mir eine neue geben, die aber gerade noch nicht fertig getrocknet sind. So gibt sie mir die „gebrauchte“, die ich noch viel schöner finde und mir eine so liebe Erinnerung an diese bescheiden Frau ist. 

Auf der Weiterreise durch das Pays de Cocagne erstehe ich in Albi noch eine Tube der Farbe in einem sehr hellen Blau, mit dem ich Servietten bearbeite. Das Blau erfreut das Auge, tut gut, erfrischt und beruhigt zugleich. Sowohl Schürze als auch Bluse erstrahlen noch immer in den schönsten Blautönen des Pastel. Alles richtig gemacht 😉

Wie schön, dass auch diese alte Tradition und Handwerkskunst wieder auflebt!

Wer selbst einmal blau machen will, fährt also am besten ins Pays de Cocagne.

Mme Françoise CARAYOL
4 rue du Mercadial – 81440 Lautrec

 

Veröffentlicht von Sandy

kulinarische Reisejournalistin, Foodfotografin, Frankreich und dem guten Leben zugetan, mit Vorliebe für Essen und Wein

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